Villanders wird zu Villandro
Villanders im Zeitraum von 1918 bis 1945
Mag. Petra Augscholl, Villanders
Man schrieb den 2. Februar 1946 – seit neun Monaten war der Zweite Weltkrieg bereits zu
Ende – als es nach dem Hochamt auf der Kirchgasse von Villanders zu einer handgreiflichen
Auseinandersetzung kam: Der Falbinger-Bauer, Ortsgruppenleiter zur Zeit der nationalsozialistischen
Besetzung Sudtirols, wurde von einigen der ehemaligen Dableiber mit
saftigen Watschen bedacht.1 Diese Schlagerei – Sinnbild der tiefen Spaltung, die das Dorf
seit der Option von 1939 durchzogen hatte – setzte in Villanders einen „Schlusspunkt“
unter knapp 30 Jahre pragende Geschichte. Nach diesem Vorfall wurde es wieder ruhig im
Dorf. Scheinbar einig, versuchten die Villanderer den Nachkriegsalltag zu bewaltigen. Die
Zeit von 1918 bis 1945 ging in die Geschichte ein, war vorbei. Man sprach ungern und
kaum offentlich daruber. Es war vordergrundig Aufgabe der wissenschaftlichen Literatur,
Faschismus und Option auf Landesebene historisch zu verarbeiten.
Was in jenen Jahren im eigenen Dorf geschah, wissen nur noch jene Villanderer, die diese
Zeit miterlebt haben. Hier soll daruber kurz berichtet werden.
Das Ende des Ersten Weltkrieges und die ersten Jahre als italienische Staatsbürger
Als Villanders 1919 mit dem Friedensvertrag von Saint-Germain als Sudtiroler Gemeinde an
Italien fiel, bedeutete das vorderhand ein Ende des Ersten Weltkrieges mit Ablieferungspflicht
von Lebensmitteln und Eisenvorraten, mit Kriegstoten an der Front und russischen
Kriegsgefangenen im Dorf. Das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete, langsam wieder
ein Leben aufzunehmen, das durch Mangel an mannlichen Arbeitskraften und schlechteste
Versorgung mit Lebensmitteln in Frage gestellt worden war.2
Mochten auch personliche Verluste und Note die neue politische Wirklichkeit in ihrer Bedeutung
uberlagern, der „unverdiente“ italienische Sieg nach dem Waffenstillstand hatte
auch die Villanderer zu italienischen Staatsburgern gemacht.
Symbolisch fur den Wechsel vom Habsburgerreich zum Staate Italien war der Geldumtausch:
1919 mussten die Villanderer ihre wenigen osterreichischen Kronen gegen italienische
Lire eintauschen. Im Wesentlichen blieb jedoch der Alltag des Dorfes bis zur Machtergreifung
der Faschisten 1922 von tiefgreifenden Anderungen verschont.
Lediglich 1921, mit der Absetzung des Burgermeisters Franz Rabensteiner, Peterwirt, aufgrund
seiner starrkopfigen anti-italienischen Haltung, wurde ein Schritt der bald folgenden
anti-deutschen Politik des Faschismus vorweggenommen.3
Der italienische Faschismus trifft auf das deutsche Dorf
Es ist hinreichend bekannt, wie der Faschismus vorging, um aus dem deutschen Sudtirol –
je eher desto besser – eine tatsachlich italienische Provinz zu machen. Villanders, ab 1923
Villandro, fugt sich in das bekannte Bild ein: Analysiert man die faschistische Politik auf den
verschiedenen staatlichen und gesellschaftlichen Ebenen, wie Verwaltung, Wirtschaft,
Kultur und Schule, so bestatigt der rein faktische Befund ohnehin Bekanntes, etwa die
allmahliche Ausschaltung der deutschen Gemeindeverwaltung: Anstelle von Johann Pupp
ubernahm 1926 Giocondo Moresco und in Folge weitere faschistisch gesinnte Personen
die Verwaltung der zum Gemeindeverband zusammengeschlossenen Dorfer Villanders,
Barbian, Lajen und Waidbruck.4 Die deutschen Parteien wurden in Sudtirol 1926 verboten.
Fur Villanders spielte das insofern eine Rolle, als auch die 1921 gegrundete Ortsgruppe der
Tiroler Volkspartei (TVP) und der (seit 1923 bestehende) Bauernbund aufgelost wurden.5
Auch die aufdringliche Prasenz des Italienischen bei offentlichen Aufschriften und zuletzt
sogar im Friedhof zeigte sich in Villanders: „Steinbock“ wurde zu „lbergo trattoria Allo
S t a n b e c c o “, der „Pe t e r w i r t“ zu „A l b e rgo tra t t o ria Al -
l’Aquila“. Dem Platz zwischen dem ehemaligen Schulhaus und dem Altersheim wurde der
gewichtige Name „iazza Roma“ verliehen, die Kirchgasse wurde zu „iale Guglielmo Marconi“
und Oberspreng zu „asi Sommi“.6 Und ab 1935 lassen sich gar einige Ansuchen von
Villanderern um eine Nachnamens-Italianisierung nachweisen: Niederstatter wurde z. B. zu
De Cittadini bzw. Merano, Gasser zu Caserta.7
Mit subtilen Uberredungskunsten, finanziellen Anreizen und offensichtlicher Ausubung
von Druck sollten solche Neuerungen durchgesetzt werden.
Die Bevolkerung antwortete auf diesen Außendruck mit der ganzen Bandbreite an Reaktionsmoglichkeiten:
von stummer Distanzierung der wirtschaftlich weitgehend unabhangigen
Bauern uber ohnmachtige zweckmaßige Beteiligung der vom Staate Abhangigen –wie z. B. des Forsters, der Pensionisten usw. –bis zum freiwilligen und berechnenden
Mittun einzelner Opportunisten. Besonders beeindruckend ist die Rolle des damaligen Eisteck-
Bauern, der zur Verbesserung seiner allerdings nicht existenziell bedrohten Lage als
Mittelsmann zwischen faschistischer Verwaltung und den Villanderern diente. Schon in
den Jahren 1927/28 taucht der Name Gasser Giuseppe (Josef) in diversen Dokumenten als
aktives Mitglied verschiedenster Verwaltungsorgane auf und scheint damit bald das Vertrauen
der faschistischen Machthaber gewonnen zu haben.8 Ab 1930 wird der Eisteck
„Rappresentante del Fascio“;9 ab 1935 (er lasst in diesem Jahr als einer der ersten seinen
Namen freiwillig italianisieren und schreibt sich fortan Caserta) wird er, also Caserta Giuseppe,
als Delegierter des Podesta gehandelt.10 Es ist nicht zu verkennen, dass er durch
seine aktive Zusammenarbeit mit den Faschisten nicht nur sich selbst, sondern auch dem
Dorf einen gewissen Dienst erwies: Er vermittelte die unbedingt notwendigen Außenkontakte
zu den faschistischen Machthabern, wurde daher von den Villanderern gebraucht wie
zugleich schief angesehen.
Besonders erwahnt werden muss auch der deutsch-national denkende und handelnde
Pfarrer Jakob Bertagnolli aus St. Felix/Nonsberg, der alles andere als ein Italienerfreund
war. Seit seiner Einsetzung am 19. Februar 1922 nutzte er unbeirrt seine ubermachtige soziale
Position zu Provokation und Widerstand gegenuber den Italienern. Mit der Option
und der Radikalisierung der deutsch-nationalen Ideen ging der Pfarrer allerdings auch auf
Konfrontation zu den Anhangern des großdeutschen Traums.
Die Mehrheit der Villanderer entschloss sich zu einem Mittelweg zwischen Abstand zu den
Italienern und billigender Akzeptanz des Systems –umso mehr, als alle Versuche einer Italianisierung
rein oberflachliche und außerliche Erfolge blieben.
Einen speziellen Ort der Begegnung zwischen Dorf und italienischem Staat bildete die
Schule. So sehr das Dorf um Distanz zum faschistischen Staat bemuht war, diesem Kontakt
konnte es sich nicht entziehen. Eine Darstellung des
Schulalltags wurde das bekannte Bild eines gewollten oder ungewollten Missverstehens
zwischen italienischen Lehrern und deutschen Schulern wiederholen. Doch sie lasst auch
eine gewisse Anziehungskraft z. B. der Jugendorganisation „allila“ auf die Kinder erkennen
–als willkommene Abwechslung vom arbeitsreichen Alltag. Vor allem kann auf Seiten
des italienischen Lehrpersonals eine ganze Bandbreite von ubertriebenem nationalen Einsatz,
ernsthaftem padagogischen Bemuhen bis zur tatsachlichen Verzweiflung und Resignation
dokumentiert werden. Dass die Schule ihrem nationalen Auftrag nicht gerecht
wurde, besser gesagt: werden konnte, das leugnete zuletzt keine der italienischen Lehrpersonen.
Eine Italianisierung der Kinder gelang umso weniger, als das gut organisierte Netz der geheimen
deutschen Schule auch in Villanders funktionierte. Die sogenannten Katakombenlehrer
waren hier Anna Untermarzoner (Sturm-Nanna) und Katharina Bauer (Tracklederer-
Kathl).11 Auch der Pfarrer leistete in der –offiziell erlaubten –Pfarrschule seinen Beitrag
zur Festigung der deutsch-nationalen Gesinnung bei den Kindern.
So waren alle Muhen umsonst: Der Villanderer Bevolkerung konnten ein italienisches Nationalbewusstsein
oder gar die italienische Sprache als Voraussetzung der Assimilation
nicht aufgezwungen werden. Freilich darf dem bewussten politischen Handeln der Dorfbewohner
nicht allzu große Bedeutung beigemessen werden: Die Abwehrkraft resultierte
aus einem mehr oder weniger intakten konservativ-agrarischen Dorfaufbau und seiner
Kultur; wenn man so will, aus der geringen Einbindung in einen großeren Markt und aus
den schwach ausgepragten Außenbeziehungen. Was das heißt? Das Dorf musste nur so
bleiben, wie es war, schon damit leistete es einen Widerstand gegen die Italianisierung:
Alleine Tageseinteilung, Wirtschaftsweise, das Anerbenrecht, Baustil und Kleidung unterschieden
sich von allem Italienischen und erhielten damit ihre Bedeutung des typisch
Deutsch-Tirolerischen. Erst recht die Festkultur und die Feiertagstracht wurden zu Bestand-
teilen einer ethnischen Selbstdarstellung. Als erklarendes Beispiel hierzu dient die spontane
Aufwertung des Herz-Jesu-Festes zum nationalen Tiroler Bekenntnis in den fruhen
Zwanzigerjahren, sozusagen als Protest gegen Italien. Besonders eindrucksvolle Beispiele
sind aber auch der Ausschluss der Ballila-Uniform vom Kirchenraum, sowie die Tatsache,
dass die italienischen Lehrer keinen Kirchensitz erhielten und dem Gottesdienst stehend
wie Fremde – die sie eben waren – beiwohnen mussten.
Villanders im nationalen Bekenntniszwang – die Option
Zwanzig Jahre blieb Villanders gegen das Italienische resistent; bis die von Hitler und
Mussolini den Sudtirolern aufgenotigte Alternative einer Option fur Deutschland und
einem Dableiben in Italien, im Jahre 1939, das Dorf formlich in die zwei Lager der
„Außiwahler“ und „alschen“ zerriss.
Wie lasst sich das erklaren? Vielleicht damit, dass in dieser dramatischen Entscheidungssituation
vielen die triste kulturelle Lage eines in der eigenen Heimat entrechteten Volkes
klar geworden ist; dass sich nicht-bauerliche Schichten eine bessere Zukunft im „eich“
erhofften; dass die junge Generation von der „errlichkeit“ des deutschen Reiches formlich
geblendet war; dass vor allem eine ubermachtige Propaganda von verschiedenen Seiten
her auf das Dorf einwirkte. Allerdings gaben stets die individuelle Lebensgeschichte, Beziehungen
und Freundschaften den Ausschlag fur die Entscheidung. Auch politische Sympathien
fur Osterreich oder Deutschland spielten im Abstimmungsverhalten eine wichtige
Rolle, ebenso wie Antipathien aufgrund der Judenverfolgung und Euthanasie, die im
„Reich“ betrieben wurden und im Dorf bekannt waren.
All diese Faktoren wirkten gebundelt aufeinander, wobei oft ganz zufallig der Entschluss
fur die eine oder die andere Seite gefasst wurde. Der vergleichsweise hohe Anteil an Dableibern
in Villanders, immerhin knapp 30%, kann wahrscheinlich auf das Wirken des politisch
engagierten und wortstarken Pfarrers zuruckgefuhrt werden. Denn Jakob Bertagnolli
hat sich zur Zeit der Option als uberzeugter Tiroler und Altosterreicher fur ein Dableiben
in der Heimat stark gemacht, die fur ihn –weder Italien noch Deutschland –eben Sudtirol
war.
Im gesamten Land haben sich ungefahr 87% fur das deutsche Reich entschieden. Tatsachlich
ausgewandert ist letztendlich nur ein geringer Anteil.12
Hier aber das Optionsergebnis von Villanders in Zahlen:
408 weiße Formulare oder 28,8% fielen auf eine Entscheidung fur die
italienische Staatsburgerschaft,
969 orange Formulare oder 68,4% fielen auf eine Entscheidung fur die deutsche Staatsburgerschaft,
22 Stimmen oder 1,5% fielen auf keine Wahlbeteiligung und
17 Formulare oder 1,3% wurden eliminiert.
Als Beispiel eines Sudtiroler Dorfes liefert Villanders den traurigen Beweis, dass durch den
Zwang, sich nationalpolitisch zu bekennen, ein einsprachiges Dorf nach nationalen Kategorien,
sprich deutsch oder „walsch“, zerteilt wurde. Es war plotzlich nicht mehr so wichtig,
Villanderer zu sein, sondern Deutscher zu sein. Jene, die sich fur ein Bleiben in der Heimat,
im Dorf, entschieden hatten, wurden als nationale Feinde betrachtet.
Nur durch „luckliche“ politische Umstande, nicht etwa durch Weitsicht, blieb dem Dorf
seine Auflosung durch Abwanderung erspart. Villanders blieb aber gespalten, was die zahlenmaßig
uberlegenen Optanten den Dableibern, vor allem aber dem „alschgesinnten“
Pfarrer vorwarfen.
Auf Faschismus folgt Nationalsozialismus
Als im September 1943 nationalsozialistische deutsche Truppen Sudtirol als Teil der „Operationszone
Alpenvorland“ besetzten, ubernahmen die Optanten das Sagen im Dorf.
Die deutsche Gemeinde wurde wieder hergestellt; viele –auch Dableiber –fuhlten sich
endlich vom italienischen Faschismus befreit. Einig war Villanders deswegen aber noch
lange nicht. Im Gegenteil: Die Spaltung des Dorfes setzte sich im nationalsozialistischen
System fort, Feindschaften vertieften sich noch, Denunziationen mehrten sich.
Der habsburgertreue und heimatverbundene Antinazist Jakob Bertagnolli tat sich als Pfarrer
einmal mehr politisch hervor. Einige Male wurde er verwarnt, weil er ubereifrig gegen
den Nationalsozialismus wetterte und folglich mit den extrem „eutschgesinnten“ vor Ort
auf Kriegsfuß stand.
Welcher Unterschied zu den Zwanzigerjahren, als Villanders gegen den Faschismus weitgehend
einig auftrat und ankampfte! Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg –wie das Ein
gangsbeispiel zeigte – dauerte der Ausnahmezustand, ehe das Dorf wieder allmahlich zu einer sozialen Einheit verschmolz .