Dr. Anton von Gasteiger zu Rabenstein und Kobach | Villanders | Süd-Tirol CD Mut zur Treue kaufen
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Das Gedenkjahr 1809-2009
   
 
   
 

Ausstellung Option

 

Villanders wird zu Villandro

Villanders im Zeitraum von 1918 bis 1945

Mag. Petra Augscholl, Villanders

 

Man schrieb den 2. Februar 1946 – seit neun Monaten war der Zweite Weltkrieg bereits zu

Ende – als es nach dem Hochamt auf der Kirchgasse von Villanders zu einer handgreiflichen

Auseinandersetzung kam: Der Falbinger-Bauer, Ortsgruppenleiter zur Zeit der nationalsozialistischen

Besetzung Sudtirols, wurde von einigen der ehemaligen Dableiber mit

saftigen Watschen bedacht.1 Diese Schlagerei – Sinnbild der tiefen Spaltung, die das Dorf

seit der Option von 1939 durchzogen hatte – setzte in Villanders einen „Schlusspunkt“

unter knapp 30 Jahre pragende Geschichte. Nach diesem Vorfall wurde es wieder ruhig im

Dorf. Scheinbar einig, versuchten die Villanderer den Nachkriegsalltag zu bewaltigen. Die

Zeit von 1918 bis 1945 ging in die Geschichte ein, war vorbei. Man sprach ungern und

kaum offentlich daruber. Es war vordergrundig Aufgabe der wissenschaftlichen Literatur,

Faschismus und Option auf Landesebene historisch zu verarbeiten.

Was in jenen Jahren im eigenen Dorf geschah, wissen nur noch jene Villanderer, die diese

Zeit miterlebt haben. Hier soll daruber kurz berichtet werden.

 

Das Ende des Ersten Weltkrieges und die ersten Jahre als italienische Staatsbürger

 

Als Villanders 1919 mit dem Friedensvertrag von Saint-Germain als Sudtiroler Gemeinde an

Italien fiel, bedeutete das vorderhand ein Ende des Ersten Weltkrieges mit Ablieferungspflicht

von Lebensmitteln und Eisenvorraten, mit Kriegstoten an der Front und russischen

Kriegsgefangenen im Dorf. Das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete, langsam wieder

ein Leben aufzunehmen, das durch Mangel an mannlichen Arbeitskraften und schlechteste

Versorgung mit Lebensmitteln in Frage gestellt worden war.2

Mochten auch personliche Verluste und Note die neue politische Wirklichkeit in ihrer Bedeutung

uberlagern, der „unverdiente“ italienische Sieg nach dem Waffenstillstand hatte

auch die Villanderer zu italienischen Staatsburgern gemacht.

Symbolisch fur den Wechsel vom Habsburgerreich zum Staate Italien war der Geldumtausch:

1919 mussten die Villanderer ihre wenigen osterreichischen Kronen gegen italienische

Lire eintauschen. Im Wesentlichen blieb jedoch der Alltag des Dorfes bis zur Machtergreifung

der Faschisten 1922 von tiefgreifenden Anderungen verschont.

Lediglich 1921, mit der Absetzung des Burgermeisters Franz Rabensteiner, Peterwirt, aufgrund

seiner starrkopfigen anti-italienischen Haltung, wurde ein Schritt der bald folgenden

anti-deutschen Politik des Faschismus vorweggenommen.3

 

Der italienische Faschismus trifft auf das deutsche Dorf

 

Es ist hinreichend bekannt, wie der Faschismus vorging, um aus dem deutschen Sudtirol –

je eher desto besser – eine tatsachlich italienische Provinz zu machen. Villanders, ab 1923

Villandro, fugt sich in das bekannte Bild ein: Analysiert man die faschistische Politik auf den

verschiedenen staatlichen und gesellschaftlichen Ebenen, wie Verwaltung, Wirtschaft,

Kultur und Schule, so bestatigt der rein faktische Befund ohnehin Bekanntes, etwa die

allmahliche Ausschaltung der deutschen Gemeindeverwaltung: Anstelle von Johann Pupp

ubernahm 1926 Giocondo Moresco und in Folge weitere faschistisch gesinnte Personen

die Verwaltung der zum Gemeindeverband zusammengeschlossenen Dorfer Villanders,

Barbian, Lajen und Waidbruck.4 Die deutschen Parteien wurden in Sudtirol 1926 verboten.

Fur Villanders spielte das insofern eine Rolle, als auch die 1921 gegrundete Ortsgruppe der

Tiroler Volkspartei (TVP) und der (seit 1923 bestehende) Bauernbund aufgelost wurden.5

Auch die aufdringliche Prasenz des Italienischen bei offentlichen Aufschriften und zuletzt

sogar im Friedhof zeigte sich in Villanders: „Steinbock“ wurde zu „lbergo trattoria Allo

S t a n b e c c o “, der „Pe t e r w i r t“ zu „A l b e rgo tra t t o ria Al -

l’Aquila“. Dem Platz zwischen dem ehemaligen Schulhaus und dem Altersheim wurde der

gewichtige Name „iazza Roma“ verliehen, die Kirchgasse wurde zu „iale Guglielmo Marconi“

und Oberspreng zu „asi Sommi“.6 Und ab 1935 lassen sich gar einige Ansuchen von

Villanderern um eine Nachnamens-Italianisierung nachweisen: Niederstatter wurde z. B. zu

De Cittadini bzw. Merano, Gasser zu Caserta.7

Mit subtilen Uberredungskunsten, finanziellen Anreizen und offensichtlicher Ausubung

von Druck sollten solche Neuerungen durchgesetzt werden.

Die Bevolkerung antwortete auf diesen Außendruck mit der ganzen Bandbreite an Reaktionsmoglichkeiten:

von stummer Distanzierung der wirtschaftlich weitgehend unabhangigen

Bauern uber ohnmachtige zweckmaßige Beteiligung der vom Staate Abhangigen –wie z. B. des Forsters, der Pensionisten usw. –bis zum freiwilligen und berechnenden

Mittun einzelner Opportunisten. Besonders beeindruckend ist die Rolle des damaligen Eisteck-

Bauern, der zur Verbesserung seiner allerdings nicht existenziell bedrohten Lage als

Mittelsmann zwischen faschistischer Verwaltung und den Villanderern diente. Schon in

den Jahren 1927/28 taucht der Name Gasser Giuseppe (Josef) in diversen Dokumenten als

aktives Mitglied verschiedenster Verwaltungsorgane auf und scheint damit bald das Vertrauen

der faschistischen Machthaber gewonnen zu haben.8 Ab 1930 wird der Eisteck

„Rappresentante del Fascio“;9 ab 1935 (er lasst in diesem Jahr als einer der ersten seinen

Namen freiwillig italianisieren und schreibt sich fortan Caserta) wird er, also Caserta Giuseppe,

als Delegierter des Podesta gehandelt.10 Es ist nicht zu verkennen, dass er durch

seine aktive Zusammenarbeit mit den Faschisten nicht nur sich selbst, sondern auch dem

Dorf einen gewissen Dienst erwies: Er vermittelte die unbedingt notwendigen Außenkontakte

zu den faschistischen Machthabern, wurde daher von den Villanderern gebraucht wie

zugleich schief angesehen.

Besonders erwahnt werden muss auch der deutsch-national denkende und handelnde

Pfarrer Jakob Bertagnolli aus St. Felix/Nonsberg, der alles andere als ein Italienerfreund

war. Seit seiner Einsetzung am 19. Februar 1922 nutzte er unbeirrt seine ubermachtige soziale

Position zu Provokation und Widerstand gegenuber den Italienern. Mit der Option

und der Radikalisierung der deutsch-nationalen Ideen ging der Pfarrer allerdings auch auf

Konfrontation zu den Anhangern des großdeutschen Traums.

Die Mehrheit der Villanderer entschloss sich zu einem Mittelweg zwischen Abstand zu den

Italienern und billigender Akzeptanz des Systems –umso mehr, als alle Versuche einer Italianisierung

rein oberflachliche und außerliche Erfolge blieben.

Einen speziellen Ort der Begegnung zwischen Dorf und italienischem Staat bildete die

Schule. So sehr das Dorf um Distanz zum faschistischen Staat bemuht war, diesem Kontakt

konnte es sich nicht entziehen. Eine Darstellung des

Schulalltags wurde das bekannte Bild eines gewollten oder ungewollten Missverstehens

zwischen italienischen Lehrern und deutschen Schulern wiederholen. Doch sie lasst auch

eine gewisse Anziehungskraft z. B. der Jugendorganisation „allila“ auf die Kinder erkennen

–als willkommene Abwechslung vom arbeitsreichen Alltag. Vor allem kann auf Seiten

des italienischen Lehrpersonals eine ganze Bandbreite von ubertriebenem nationalen Einsatz,

ernsthaftem padagogischen Bemuhen bis zur tatsachlichen Verzweiflung und Resignation

dokumentiert werden. Dass die Schule ihrem nationalen Auftrag nicht gerecht

wurde, besser gesagt: werden konnte, das leugnete zuletzt keine der italienischen Lehrpersonen.

Eine Italianisierung der Kinder gelang umso weniger, als das gut organisierte Netz der geheimen

deutschen Schule auch in Villanders funktionierte. Die sogenannten Katakombenlehrer

waren hier Anna Untermarzoner (Sturm-Nanna) und Katharina Bauer (Tracklederer-

Kathl).11 Auch der Pfarrer leistete in der –offiziell erlaubten –Pfarrschule seinen Beitrag

zur Festigung der deutsch-nationalen Gesinnung bei den Kindern.

So waren alle Muhen umsonst: Der Villanderer Bevolkerung konnten ein italienisches Nationalbewusstsein

oder gar die italienische Sprache als Voraussetzung der Assimilation

nicht aufgezwungen werden. Freilich darf dem bewussten politischen Handeln der Dorfbewohner

nicht allzu große Bedeutung beigemessen werden: Die Abwehrkraft resultierte

aus einem mehr oder weniger intakten konservativ-agrarischen Dorfaufbau und seiner

Kultur; wenn man so will, aus der geringen Einbindung in einen großeren Markt und aus

den schwach ausgepragten Außenbeziehungen. Was das heißt? Das Dorf musste nur so

bleiben, wie es war, schon damit leistete es einen Widerstand gegen die Italianisierung:

Alleine Tageseinteilung, Wirtschaftsweise, das Anerbenrecht, Baustil und Kleidung unterschieden

sich von allem Italienischen und erhielten damit ihre Bedeutung des typisch

Deutsch-Tirolerischen. Erst recht die Festkultur und die Feiertagstracht wurden zu Bestand-

teilen einer ethnischen Selbstdarstellung. Als erklarendes Beispiel hierzu dient die spontane

Aufwertung des Herz-Jesu-Festes zum nationalen Tiroler Bekenntnis in den fruhen

Zwanzigerjahren, sozusagen als Protest gegen Italien. Besonders eindrucksvolle Beispiele

sind aber auch der Ausschluss der Ballila-Uniform vom Kirchenraum, sowie die Tatsache,

dass die italienischen Lehrer keinen Kirchensitz erhielten und dem Gottesdienst stehend

wie Fremde – die sie eben waren – beiwohnen mussten.

 

Villanders im nationalen Bekenntniszwang – die Option

 

Zwanzig Jahre blieb Villanders gegen das Italienische resistent; bis die von Hitler und

Mussolini den Sudtirolern aufgenotigte Alternative einer Option fur Deutschland und

einem Dableiben in Italien, im Jahre 1939, das Dorf formlich in die zwei Lager der

„Außiwahler“ und „alschen“ zerriss.

Wie lasst sich das erklaren? Vielleicht damit, dass in dieser dramatischen Entscheidungssituation

vielen die triste kulturelle Lage eines in der eigenen Heimat entrechteten Volkes

klar geworden ist; dass sich nicht-bauerliche Schichten eine bessere Zukunft im „eich“

erhofften; dass die junge Generation von der „errlichkeit“ des deutschen Reiches formlich

geblendet war; dass vor allem eine ubermachtige Propaganda von verschiedenen Seiten

her auf das Dorf einwirkte. Allerdings gaben stets die individuelle Lebensgeschichte, Beziehungen

und Freundschaften den Ausschlag fur die Entscheidung. Auch politische Sympathien

fur Osterreich oder Deutschland spielten im Abstimmungsverhalten eine wichtige

Rolle, ebenso wie Antipathien aufgrund der Judenverfolgung und Euthanasie, die im

„Reich“ betrieben wurden und im Dorf bekannt waren.

All diese Faktoren wirkten gebundelt aufeinander, wobei oft ganz zufallig der Entschluss

fur die eine oder die andere Seite gefasst wurde. Der vergleichsweise hohe Anteil an Dableibern

in Villanders, immerhin knapp 30%, kann wahrscheinlich auf das Wirken des politisch

engagierten und wortstarken Pfarrers zuruckgefuhrt werden. Denn Jakob Bertagnolli

hat sich zur Zeit der Option als uberzeugter Tiroler und Altosterreicher fur ein Dableiben

in der Heimat stark gemacht, die fur ihn –weder Italien noch Deutschland –eben Sudtirol

war.

Im gesamten Land haben sich ungefahr 87% fur das deutsche Reich entschieden. Tatsachlich

ausgewandert ist letztendlich nur ein geringer Anteil.12

Hier aber das Optionsergebnis von Villanders in Zahlen:

408 weiße Formulare oder 28,8% fielen auf eine Entscheidung fur die

italienische Staatsburgerschaft,

969 orange Formulare oder 68,4% fielen auf eine Entscheidung fur die deutsche Staatsburgerschaft,

22 Stimmen oder 1,5% fielen auf keine Wahlbeteiligung und

17 Formulare oder 1,3% wurden eliminiert.

Als Beispiel eines Sudtiroler Dorfes liefert Villanders den traurigen Beweis, dass durch den

Zwang, sich nationalpolitisch zu bekennen, ein einsprachiges Dorf nach nationalen Kategorien,

sprich deutsch oder „walsch“, zerteilt wurde. Es war plotzlich nicht mehr so wichtig,

Villanderer zu sein, sondern Deutscher zu sein. Jene, die sich fur ein Bleiben in der Heimat,

im Dorf, entschieden hatten, wurden als nationale Feinde betrachtet.

Nur durch „luckliche“ politische Umstande, nicht etwa durch Weitsicht, blieb dem Dorf

seine Auflosung durch Abwanderung erspart. Villanders blieb aber gespalten, was die zahlenmaßig

uberlegenen Optanten den Dableibern, vor allem aber dem „alschgesinnten“

Pfarrer vorwarfen.

 

Auf Faschismus folgt Nationalsozialismus

 

Als im September 1943 nationalsozialistische deutsche Truppen Sudtirol als Teil der „Operationszone

Alpenvorland“ besetzten, ubernahmen die Optanten das Sagen im Dorf.

Die deutsche Gemeinde wurde wieder hergestellt; viele –auch Dableiber –fuhlten sich

endlich vom italienischen Faschismus befreit. Einig war Villanders deswegen aber noch

lange nicht. Im Gegenteil: Die Spaltung des Dorfes setzte sich im nationalsozialistischen

System fort, Feindschaften vertieften sich noch, Denunziationen mehrten sich.

Der habsburgertreue und heimatverbundene Antinazist Jakob Bertagnolli tat sich als Pfarrer

einmal mehr politisch hervor. Einige Male wurde er verwarnt, weil er ubereifrig gegen

den Nationalsozialismus wetterte und folglich mit den extrem „eutschgesinnten“ vor Ort

auf Kriegsfuß stand.

Welcher Unterschied zu den Zwanzigerjahren, als Villanders gegen den Faschismus weitgehend

einig auftrat und ankampfte! Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg –wie das Ein

gangsbeispiel zeigte – dauerte der Ausnahmezustand, ehe das Dorf wieder allmahlich zu einer sozialen Einheit verschmolz .